Nachruf Israel Yinon (1956 – 2015)

“Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.”

Friedrich Nietzsche (Sprüche und Pfeile, Kap. 33)

Der Tod führt uns die Endlichkeit des menschlichen Lebens schmerzhaft vor Augen. Danach bleibt nur noch die Erinnerung. Ich möchte an den israelischen Dirigenten Israel Yinon erinnern. Der Artikel, der ursprünglich für ein deutsches Hifi-Magazin bestimmt war, ist nun zu einem Nachruf geworden. Alle Informationen stammen aus persönlichen Gesprächen mit dem Dirigenten und der E-Mail-Korrespondenz mit ihm.

Israel Yinon: Dirigent, Musiker und Hifi-Enthusiast

Als der israelische Dirigent Israel Yinon am 29. Januar 2015 während eines Konzerts im Kultur- und Kongresszentrum Luzern verstarb, machte die Nachricht schnell die Runde. Völlig unerwartet brach der 59-jährige während der “Alpensinfonie” von Richard Strauss auf der Bühne zusammen. Wenig später konnte nur noch sein Tod festgestellt werden. Während viele deutsche Online-Medien lediglich die DPA-Meldung umstrickten, sind internationale Berichterstatter deutlich ausführlicher. Israel Yinon lebte seit Jahren in Berlin-Pankow, war aber in Deutschland nicht sonderlich bekannt. Lag es daran, dass er zu wenig “Mainstream” dirigierte und sich im hohen Maß unbekannten Komponisten widmete? Ist es heute nicht mehr populär, sogenannte “Entartete Musik” zu entdecken und aufzunehmen? Verstärkt sich die Tendenz des Vergessens von Komponisten und Kompositionen aus der Zeit der beiden Weltkriege in unserer Zeit?

Vorwürfe sind hier fehl am Platze. Für mich steht aber fest, dass Israel Yinon als herausragender und hinterfragender Interpret zu Lebzeiten ein größeres Podium in Deutschland verdient hätte. Seine Karriere fand vor allem international statt, im letzten Jahr unter anderem in Mexiko, China, Italien, der Schweiz und auf Island. Er war ein ausgezeichneter Musiker und trotzdem von großer Bescheidenheit, wie man sie selten findet. Freude fand er an den kleinen Dingen, die sein Leben bereicherten. Dazu gehörten sein Akkordeon, sein Dumont-Harmonium, das er im November 2014 bekam und als größte Inspiration ansah und seine Hifi-Anlage.

“Eventuell war ich nie ein richtiger Akkordeon-Spieler, sondern ein versteckter Harmonist!”

Seit den 90er-Jahren arbeitete der Musiker am perfekten Klang, den er aus der musikalischen Praxis kannte und möglichst originalgetreu in seinem Wohnzimmer wiedergeben wollte. Daher möchte ich an dieser Stelle weniger auf Israel Yinons Karriere als Dirigent eingehen, sondern seine Passion als Hifi-Enthusiast näher beleuchten. Wer sich näher über den Dirigenten informieren möchte, findet einen englischsprachigen Lebenslauf nach der Fotogalerie am Ende der Seite. Im folgenden Video ist ein Gespräch mit Israel Yinon vor einem Konzert an der mexikanischen Universidad Autónoma de Zacateca im Jahr 2013 zu sehen.

Mit wenig Geld den besten Klang

Diesem Credo hatte sich Israel Yinon verschrieben. Wer zu ihm nach Hause kam, sah eine unglaublich komplexe und mehrfach modifizierte Stereo-Anlage. Letztendlich steckten aber keine Unsummen in den Geräten, sondern ein riesiger Zeit- und Höraufwand, um dem perfekten Klang auf die Spur zu kommen. Israel Yinon war der Ansicht, dass Musik auf Tonträgern für jeden zugänglich sein müsse. Daher sollten keine sonderlich teuren Geräte beteiligt sein, sondern die richtigen Komponenten zusammenspielen oder solide gemachte Geräte verbessert werden. Als einziges Hilfsmittel gab es für ihn das Ohr. Sein Hörvermögen war Voraussetzung für die erfolgreiche Karriere als Dirigent. Er selbst beschrieb seine Fähigkeit folgendermaßen:

“Ich bin in meinem Job gut, weil ich höre, wo ein Fehler ist, warum er passiert und wie man ihn beseitigt.”

Vor über 20 Jahren entschied sich Israel Yinon für den Digital-Vorverstärker Evolution DAC 1.2 der deutschen Firma AVM als Basis seiner Hifi-Kette. Das Konzept mit dem integrierten Digital-Analog-Wandler auf der Vorverstärker-Platine überzeugte ihn. AVM nennt in der Bedienungsanleitung des DAC 1.2 explizit die Möglichkeit, die DA-Wandler in Zukunft durch technologisch fortgeschrittenere Bausteine aufzurüsten. Dem Israeli musste dies entgegenkommen, denn er war regelrecht getrieben vom Wunsch nach Verbesserung. Allerdings gab es im Jahr 1995 seinem Empfinden nach keine bessere Technologie als die vorhandenen Bausteine im AVM Evolution DAC 1.2: “Besser ging’s nicht!”

Tausch von Bauteilen wird zum Alptraum

Daher begann Yinon, systematisch Bauteile auszutauschen und zu ersetzen. Zusammen mit einem elektronisch versierten Bekannten setzte er damit an, Bauteile nach Gehör zu selektieren. Mittels Hilfsplatinen wurden die Chips, Widerstände und Kondensatoren im Vorverstärker untergebracht und in diversen Konstellationen erprobt. Das Hören gestaltete sich über Jahre hinweg zum persönlichen Alptraum, erzählte Israel Yinon. Dabei war seine Rolle ausschließlich die des Hörenden, der Respekt vor dem Beruf des Hifi-Konstrukteurs hat: “Ich bleibe Dirigent! Ich bin kein E-Techniker oder Ingenieur, ich höre nur.”

Auf die Frage nach Vinyl und Röhre als Tonträger respektive Technologie reagierte Israel Yinon überraschend: “Ich habe wohl Aufnahmen von Schallplatte auf Röhrengeräten gehört. Aber: Meine Aufnahmen wurden alle digital gemacht, ich muss daher auch digital abhören. Schließlich verkaufe ich CDs und höre sie zuhause, da wäre es moralisch nicht richtig, auf die Platte zu setzen.”

Die Lautsprecher Israel Yinons wurden 1999 von Gunter Glaser entwickelt. Von ihm konnte der Dirigent eigenen Aussagen nach das aktive Hören vervollkommnen. Seiner Ansicht nach hat die Elektronik letztendlich mehr Einfluss auf den Klang, wenn die Lautsprecher gut konstruiert sind. Das Teuerste an Yinons Schwallwandlern waren nicht die Chassis, sondern die massiven Ahorn-Gehäuse von Satelliten und Subwoofer. Als aktive Weiche spielte eine Proteus 2.4 in der Kette. Die Crossover-Frequenzen legte der Dirigent auch rein nach dem Gehör fest, ebenso die Einstellung der Filter.

“Ich habe mich immer an Live-Musik orientiert. Welchen Bezugspunkt sollte ich sonst nehmen?”

Als Endverstärker setzte Israel Yinon einen HIFIAkademie PowerAmp Mod. 3 ein, die komplette Verkabelung kam von Wilbrand Acoustics (ein Tipp aus dem Hifi-Magazin STEREO). Zuspieler war ein modifizierter Marantz CD-10 aus den 90er-Jahren, der sein Signal über eine Tent Audio Clock an die Digital-Sektion im AVM DAC lieferte.

Studioalltag und Hifi

Das Interesse für Hifi und die hochwertige Musikwiedergabe kam bei Israel Yinon durch den Studioalltag. Er spielte im Lauf seiner Karriere rund 28 CDs ein und entwickelte dabei ein Verständnis für die Technik dahinter. Eine Geschichte illustriert, welchen Stellenwert Yinon als Dirigent genoss. Bei seiner Einspielung von “Der letzte Pierrot” Ende der 90er-Jahre wurde von der Decca erstmals im hochauflösenden Format aufgenommen. Tonmeister war der berühmte Jimmy Lock, der als Urgestein der Decca so etwas wie der “Godfather of Recording Engineers” war. Diesem Mann wagte keiner zu widersprechen, nicht einmal berühmte Dirigenten. Beim Abhören der Aufnahme registrierte Israel Yinon eine Unausgewogenheit im Klang und sagte zu Lock: “Die Kontrabässe bitte 1 dB weniger.” Den Umstehenden stockte der Atem ob dieser Verwegenheit! Lock aber führte die gewünschte Änderung ohne Kommentar aus. Seitdem verband die beiden Männer eine Freundschaft.

Aufregender Chip-Fund in Los Angeles und Taipeh

Die Hifi-Kette von Israel Yinon wurde immer besser, aber beim Herzstück, den Wandler-Chips, schien kein Fortschritt in Sicht. Durch Zufall fand der Musiker aber fünf der letzten Burr-Brown PCM63P-Y in Los Angeles, “die besten Chips für 20/48 (Bit/kHz)!” Mittels in Taipeh erworbener Adapter konnte er diese DA-Wandler-Bausteine in seine Kette integrieren. Damit schien für mehrere Jahre erstmal Ruhe in das Hifi-Leben des Dirigenten gekommen zu sein. Was gab es jetzt noch zu verbessern?

2007 wurde Yinon auf eine australische Marke aufmerksam: Burson Audio. Neuartige Operationsverstärker weckten sein Interesse, sodass er sich eine Anzahl zuschicken und in seinen Vorverstärker einbauen ließ. Mit dem Ergebnis war Israel Yinon sehr zufrieden, beschädigte aber aus Versehen ein Bauteil bei einem Vergleichstest. Er schrieb die Australier an und bat um eine Ersatzlieferung. Als das Ersatzteil eingebaut war, registrierte der Dirigent eine klangliche Veränderung. Nur sehr subtil, aber für ihn deutlich hörbar. Erneut wandte er sich an Burson Audio und reklamierte das Austausch-Bauteil, weil es anders klänge. Die Antwort der Australier ließ nicht lange auf sich warten:

“Wie konnten Sie das hören? Wer sind Sie? Warum hören Sie so etwas?”

Tatsächlich hatte man eine neue Serie nach Berlin geliefert, die optisch nicht von der alten zu unterscheiden war. Seit diesem Zeitpunkt war Israel Yinon inoffizieller Testhörer für Burson Audio. 2014 bekam er als erster die neuen Operationsverstärker in der 3. Generation zu hören, die 2015 ausgeliefert wurden. Bezeichnenderweise heißt der neue Pre-Amp und DAC der australischen Firma “Conductor Virtuoso“. Alex von Burson gibt sich erschüttert über den Tod des Dirigenten und Ratgebers: “I received this news with the heaviest of heart. He has been our dear friend and mentor since 2007 and he has guided Burson through out the years towards his musical understanding and preference. So many times we have seeked his opinion during our designing process and so many times he has steered us back onto the right path. He always took time to made sure that we understood.”

Der Dirigent tritt ab

Die letzte von insgesamt 55 E-Mails von Israel Yinon erhielt ich am 8. Januar 2015. Ich möchte es nicht versäumen, aus ihr zu zitieren, denn daraus wird ersichtlich, was für eine Seele von Mensch der israelische Dirigent war.

“Beim HiFi ist es ganz fantastisch geworden, insbesonders nachdem ich den Burson Conductor’s DAC-Out an meinem AVM Pre-Amp-In angeschlossen habe (mit einem weiteren Silver Signal-Kabel von Wilbrand, diesmal nur 30cm lang). Die Musik ist sowas von lebendig im Zimmer – man kann sich das so kaum vorstellen!
Alles in allem passt es jetzt super beim HiFi, ebenso wie auch beim Bugari [Akkordeon] und beim Harmonium (ich habe die fehlende Resonanzbox aus verschiedenen Kartons “nachgebaut”, also simuliert; hat nicht mal 10 Min. gedauert; das Harmonium klingt damit viel runder, resonierend, schöner).
Wann sehen wir uns? Nächste Woche (Montag) reisen wir nach Barcelona. Danach kommt Luzern und wir werden erst am 31.01. zurückkommen.
[…]
Apropos, wenn Du es möchtest, dann können wir ein paar Minuten am Sonntag finden und die Burson/AVM Kombi hören. Ich denke, es ist ein Hammer!”

Maestro Israel Yinon

Born in 1956, Israel Yinon studied conducting with Prof. Mendy Rodan and Noám Shariff at the Rubin Academy of Music in Tel-Aviv and Jerusalem. His extraordinary talent for conducting was internationally recognized when his debut CD, the world premiere recording of the symphonic works of Viktor Ullmann (with the Brno Philharmonic Orchestra) garnered both the German Reviewers’ Recording Prize and Gramophone’s CD of the Year — Critic’s Choice, in 1993. His British debut followed the same year with the BBC Philharmonic Orchestra in a televised concert.

His revival of Hans Krása’s opera “Betrothal in a Dream” at the Prague State Opera in (his opera debut) won him the Cultural Prize of the Czech government in 1995. His American debut with the same work at the Kennedy Center with the Washington Opera company provided “clearly the musical event of the year” (Washington Times, 1996). The Independent on Sunday chose his other remarkable revival, Pavel Haas’s opera “The Charlatan” at Wexford Opera Festival, as “Opera of the Year 1998” in England. His recording of the opera for Decca was nominated for the “2000 Cannes Classical Award”. His other recording for Decca, Karol Rathaus’ symphonic music with the DSO Berlin, won him a second German Reviewers’ Recording Prize.

Many orchestras, wide repertoire

Maestro Yinon has performed with many of Europe’s leading orchestras, including the Gewandhaus Orchestra in Leipzig Opera Haus, the National Symphony of Ireland, the Royal Philharmonic London, the SWR Symphonie-Orchester Baden-Baden, the Holland Radio Symphony Orchestra, the Royal Flemish Philharmonic, the Konzerthausorchester Berlin, the Concertgebouw Kamerorkest, the Warsaw Philharmonic, the Filarmonica Arturo Toscanini, the State Symphony Orchestra Novaya Russia in Moscow.

Alongside his strong grip on the common “classical” repertoire, Maestro Yinon is well known for his revivals and interpretation of music considered lost as a result of WWII. Among others he made numerous CDs and radio recordings with the renowned German Radio Symphony Orchestras of Berlin, Cologne, Saarbrücken, Hannover and Stuttgart, with the BBC Symphony in London, the Hungarian TV & Radio Symphony, the Prague Radio Symphony and the BBC Philharmonic.

Specialist for “Entartete Musik”

In a special promotional CD, entitled “Bewegte Zeiten, Neue Musik in der Weimarer Republik, 1913- 1933”, Deutsche Grammophon has honoured Maestro Yinon’s Universal Classics recordings next to Giuseppe Sinopoli, Karl Böhm and Richardo Chailly. “From the Depths of Oblivion,” his concert series in Graz (Cultural Capital City of Europe, 2003) with its Symphony Orchestra and as its chief conductor, earned him the Golden Medal of Honor of the City of Graz.

Maestro Yinon’s “impessioned conducting“ (The Daily Telegraph) and thoughtful interpretations are often mentioned in the rave reviews he is getting all over the world. The german “Das Orchester” Magazin wrote in his 7/8, 2013 issue about Yinon’s gala concert with the Filarmonica Toscanini in BASF, Germany, the following: “A marvelous concert […] Great music making! […] Yinon brought the very best out of the orchestra […] He was fascinating and fully engaged, ran the orchestra masterfully and carried the enthusiastic audience along with him”.

Maestro Yinon conducted lately the Lithuania National Symphony Orchestra in Vilnius, the Armenian Philharmonic in Yerevan, the UNAM Philharmonic in Mexico City, the Bucharest “Enescu” Philharmonic in Bucharest, as well as the Beijing Symphony in the “Forbidden City”. He has opened the 10th Czech Mahler-Festival where he conducted the Prague Symphony Orchestra, to be soon broadcasted on Czech TV. He also conducted the Iceland Symphony Orchestra in Reykjavik. Israel Yinon died aged 59 while conducting a concert in Lucerne on January 29th 2015.

Autor
Michael Rassinger
Datum
3. Februar 2015