Große Russische Pianisten

Bevor die Aufnahmetechnik ihren Einzug hielt, konnten Musiker – in diesem Fall russische Pianisten – nur live gehört oder nach ihren Auftritten in Texten beschrieben werden. Einen großen Fortschritt bedeuteten demnach mechanische Reproduktionsklaviere, bei denen das Spiel auf Lochstreifen aufgezeichnet wurde. Da diese Instrumente sehr originalgetreu und mit Anschlagsdynamik aufnahmen, konnten große Komponisten und Pianisten für die Interpretation eigener und fremder Werke gewonnen werden.

Marktführer auf dem Gebiet der Reproduktionsinstrumente war die Freiburger Firma Welte & Söhne, deren „Welte-Mignon-Reproduktionsklavier“ die Welt in kurzer Zeit eroberte. Schon um 1930 war diese Ära aber beendet, denn die Aufnahme- und Rundfunktechnik hatte sich inzwischen stark weiterentwickelt und verbreitet. Somit waren keine teuren Instrumente mit aufwändiger Mechanik und der Kauf von Musikrollen notwendig. Viele Pianisten schätzten aber die Reproduktionsinstrumente, da ihr Spiel nahezu originalgetreu ohne Qualitätsabstriche wiedergegeben wurde.

Dal Segno stellt große russische Pianisten vor

Auf einer CD von Dal Segno (DSPRCD038) werden russische Pianisten und Komponisten mit Aufnahmen vorgestellt, die zwischen 1908 und 1933 entstanden. Bekannte und weniger bekannte Künstler haben darauf meist kurze Stücke eingespielt, die als absolut authentisch angesehen werden dürfen. Vladimir Horowitz ist mit seinen frühesten Aufnahmen überhaupt vertreten, die er im Alter von 21 Jahren in Freiburg machte. Der prächtige, aber doch intime Aufnahmeraum bei Welte & Söhne scheint ihm, der eher kein Fan von riesigen Konzertsälen war, sehr gefallen zu haben. In den Rachmaninoff-Prelúdes, darunter die bekannten in h-Moll (op. 32/10) und g-Moll (op. 23/5), hört man den jungen Horowitz, wie er mit stupender Virtuosität und Klangsinn die Kompositionen seines Landsmannes anpackt und versteht intuitiv, welche Begeisterung er in den 20er Jahren auslösen und zu einem der berühmtesten russischen Pianisten des 20. Jahrhunderts werden konnte.

Sergei Prokofiev spielte eigene Kompositionen ein, darunter zwei Stücke aus seiner Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“. Die Geläufigkeit und Musikalität des hervorragenden russischen Pianisten begeistern auch heute noch. Besonders faszinierend ist es, dass die historischen Aufnahmen kein Remastering oder dergleichen nötig haben, sondern einfach auf einem Konzertflügel mit Reproduktionsmechanik und heutiger Aufnahmetechnik aufgenommen werden. Die Qualität ist daher auf heutigem hohen Niveau.

Neben Alexander Scriabin und Shura Cherkassy, der bereits mit zwölf Jahren für das Reproduktionsklavier aufnahm, sind auch wichtige Vertreter der russischen Klavierschule nach Paderewski und vor Neuhaus vertreten. Besonders eindrücklich ist eine Aufnahme der Moskowsi-Polonaise op. 17 von Leopold Godowsky. Seine Mühelosigkeit und Perfektion machen dem heutigen Hörer bewußt, welche grandiosen russischen Pianisten in der Nachfolge von Liszt existierten, deren Spiel heute nahezu unbekannt ist.

Autor
Michael Rassinger
Datum
3. April 2013