Fischer-Dieskau Edition

Dietrich Fischer-Dieskau: Birthday Edition

Inhaltsverzeichnis

Das Label Audite würdigt den Titanen des Liedgesangs in einer vierteiligen Edition. Der Fokus liegt dabei auf ausgesuchten Live-Mitschnitten.

Am 18. Mai 2012 starb Dietrich Fischer-Dieskau bei München. Als einer der größten deutschen Lied- und Opersänger wurde er schon zu Lebzeiten mit zahlreichen Neuauflagen von Labels bedacht. Bei Dietrich Fischer-Dieskau, der seine aktive Karriere nach über 40 Jahren 1992 in München beendete, gibt es trotz einer äußerst umfangreichen Diskografie immer wieder Aufnahmen zu entdecken, die das imponierende Schaffen des Sängers erweitern und Einblicke in seine Entwicklung und Arbeitsweise erlauben. Fischer-Dieskau, der nicht zuletzt aufgrund seiner kompromisslosen Herangehensweise an und für die Musik als einer der intellektuellsten Liedsänger des vergangenen Jahrhunderts galt, wird vom Label Audite in vier CDs der Reihe „Legendary Recordings“ porträtiert. Die Zeitspanne der Aufnahmen reicht dabei von 1951 bis 1989 und umfasst die wesentlichen Abschnitte der Karriere des 1925 in Berlin geborenen Sängers. Audite-Tonmeister Ludger Böckenhoff konnte beim Remastering auf die originalen Bänder von Deutschlandradio Kultur und dem Rundfunk Berlin-Brandenburg zurückgreifen. Eine subtile Nachbearbeitung des teilweise ausgezeichneten Originalmaterials soll dem Hörer dabei noch mehr Details erschließen.

Fischer-Dieskau mit Begleiterin Hertha Klust

Die früheste Aufnahme auf der CD mit Werken von Beethoven, Schumann und Mahler datiert vom Dezember 1951 und umfasst zunächst die sechs Gellert-Lieder von Beethoven. Fischer-Dieskaus kongeniale Begleiterin ist hier die Pianistin Hertha Klust, deren Flügel aufnahmetechnisch bedingt beim Hörer etwas gedämpft ankommt. Ihre schlichte und zugleich durchdachte Linienführung lässt dieses Manko aber schnell vergessen, zumal ihr Gesangspartner bereits im Alter von nur 26 Jahren eine schier unglaubliche Bandbreite an dynamischen und gestalterischen Nuancen zeigt. Bei der etwas über ein Jahr später entstandenen Aufnahme von drei Mahler-Liedern aus „Des Knaben Wunderhorn“ ist das Bild ähnlich: Ein dramatisch-ironischer Fischer-Dieskau steht im Vordergrund, wobei man eigentlich noch mehr von der ausgezeichnet agierenden Begleiterin hören möchte. Im Gegensatz zu Gerald Moore wäre hier die Frage „Bin ich zu leise?“ für Hertha Klust angebracht.

Bei der letzten Aufnahme dieser CD mit Schumann-Duetten aus dem Jahr 1977 gesellt sich der Pianist Cord Garben zu Fischer-Dieskau und seiner Frau, der Sopranistin Julia Varady. Passend zum Ehe- und Familienglück, welches Schumann in der Anfangszeit seiner Ehe mit Clara Wieck erleben durfte und in mehreren Liederzyklen verarbeitete, präsentiert sich das Ehepaar Fischer-Dieskau Varady in bester sängerischer Eintracht. Besonders im „Familiengemälde“ kommt idyllisches Biedermeier auf, der beim Zuhörer behagliche Sonntagsgefühle auslöst.

Mahler in Bestform mit Barenboim am Flügel

Die nächste CD ist ausschließlich Gustav Mahler gewidmet. Es handelt sich hier um einen Berliner Live-Mitschnitt aus dem Jahr 1971 mit Daniel Barenboim am Klavier. Der Bogen spannt sich von Liedern des jungen Mahlers bis zu den späten Vertonungen aus „Des Knaben Wunderhorn“. Eine Live-Aufnahme hat trotz technischer und menschlicher Einschränkungen wie Raum und Publikumsgeräuschen im Regelfall mehr Vorteile als Nachteile zu bieten. Die Spannung und der Dialog mit dem Publikum sind im Studio nur schwer nachzubilden. So erstaunt den Zuhörer, in wie vielen Variationen und wie oft am 14. September 1971 in der Berliner Philharmonie gehustet wurde. Auch ist spätestens beim sechsten Lied des Abends zu hören, wie die Stimmung des Flügels dezent nachlässt. All dies spielt aber letztendlich keine Rolle, denn das Duo Fischer-Dieskau & Barenboim ist in interpretatorischer Bestform. „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ nach Friedrich Rückert ist einer der Höhepunkte des Abends. Barenboim verwandelt den Flügel in einen orchestralen Klangkörper und führt ein inniges Zwiegespräch mit Fischer-Dieskau, der die Rückert-Verse in langen Legato-Phrasen zum Leben erweckt. Auf die Verklärung abseits des Weltgetümmels folgt dann eine depressive Wendung im ersten der vier „Lieder eines fahrenden Gesellen“: Der Protagonist reflektiert und verarbeitet seine unglückliche Liebschaft, tief betrübt und himmelhoch jauchzend wechseln sich dabei ab. Nach der freudig-naiven Traumwelt des zweiten Liedes folgt ein weiterer Höhepunkt, in der Mahler seinen eigenen seelischen Schmerz plakativ zum Ausdruck bringt. Fischer-Dieskau liefert hier eine so dramatische, beinahe wahnsinnige Partie ab, dass Barenboim mitunter kaum folgen kann. Der schmerzhafte Aufschrei am Ende des Liedes führt hinab in dunkles es-Moll und deutet sinngemäß die schwarze Bahre des Todes an. Die heiter-ironische Seite bei Mahler liegt Fischer-Dieskau aber ebenfalls, was er in den letzten Liedern aus „Des Knaben Wunderhorn“ unter Beweis stellt. Wenn die Nachtigall den verstorbenen Kuckuck ersetzen soll, der Ritter wegen petzender Kinder nicht zum Hoffräulein kann und der Darsteller im „Selbstgefühl“ vom Doktor zum Narren erklärt wird, kann die Welt nicht so schlecht sein.

Schlichter Brahms, Moderne mit Orgel und Klavier

1972 ist Fischer-Dieskau erneut in der Berliner Philharmonie zu Gast, diesmal mit dem ungarischen Pianisten Támas Vásáry. Auf dem Programm stehen Lieder von Brahms, die ihren Weg auf die dritte CD der Geburtstagsedition fanden. Im Gegensatz zu Zeitgenossen wie Schumann oder Wolf orientierte sich Brahms als Liedkomponist an Schubert. Ihm schwebte dabei das schlichte und in sich geschlossene Volkslied als Ideal vor, das er mit den ihm eigenen kompositorischen Techniken ausgestaltete und erweiterte. Fischer-Dieskau stellt sich mit seinen stimmlichen Fähigkeiten uneingeschränkt in den Dienst des Komponisten. Bei der Berliner Live-Aufnahme setzt er im „Nachtwandler“ zielsicher Akzente innerhalb der groß angelegten Legato-Bögen und variiert mit unglaublicher Leichtigkeit die Dynamik. Mit der „Feldeinsamkeit“ schließen Fischer-Dieskau und sein Klavierpartner Vásáry den Liederabend ebenso subtil wie unspektakulär ab.

Der Sänger und Forscher Fischer-Dieskau wandte sich stets auch neuer und eher selten gespielter Musik zu, wie die letzte CD der Audite-Edition zeigt. Mit Max Reger, Heinrich Sutermeister und Paul Hindemith sind eher untypische Liedkomponisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vertreten. Dennoch sind die „Neutöner“ stets eine Entdeckung wert, wozu Dietrich Fischer-Dieskau in erheblichem Maße beiträgt. Mit dem Organisten Ulrich Bremsteller nahm er 1972 geistliche Lieder von Max Reger auf. Fischer-Dieskaus Stimme passt sich hier perfekt der Orgel an und wirkt fast wie ein weiteres Register. Im „Passionslied“ kommt dies auf wunderbare Weise zum Ausdruck, wenn Fischer-Dieskau bei einem Orgeltriosatz die Überstimme zum Choralthema übernimmt.

Die Psalmvertonungen des Schweizer Komponisten Heinrich Sutermeister wurden 17 Jahre später aufgenommen. Die Orgel hat hier einen wesentlich größeren dynamischen Anteil als bei den Kompositionen Regers zu leisten. Stimmlich fällt auf, dass der 64jährige Fischer-Dieskau wie gewohnt ein hervorragendes mittleres und tiefes Register besitzt, in der Höhe allerdings etwas zurückhaltender singt. Den Kompositionen nützt dies aber, denn Psalm 70 und 86 in der Vertonung von Sutermeister erfordern in ihrer textlichen Kontur vom Interpreten geradezu eine sängerische Demut bei gleichzeitig starker Ausdruckskraft, was Organist Bremsteller mit geschickten Registrierungen unterstützt.

Die zehn Jahre zuvor entstandene Aufnahme mit Liedern von Paul Hindemith wurde von dem Komponisten Aribert Reimann am Klavier begleitet. Auch diese Kombination harmoniert, denn Reimann unterstützt Fischer-Dieskau tatkräftig bei den teils sehr expressionistisch anmutenden Liedern, die bis an die Grenze der Tonalität vorstoßen. Innige Töne sind es aber besonders, bei denen Fischer-Dieskau wie in „O, nun heb du an, dort in deinem Moor“ seine Legato-Kultur ausleben und Hindemiths Liedkunst wieder in den Fokus rücken kann.

Autor
Michael Rassinger
Datum
20. Januar 2013