Fünf Jahrhunderte auf Tasten

Francesco Tristano: bachCage

Inhaltsverzeichnis

Eine Entdeckungsreise auf Tasteninstrumenten von Frescobaldi über Cage zu Tristano: Junge Künstler mit alter und neuer Musik kommen zu teils unerhörten Ergebnissen.

Alte Musik ist immer wieder spannend. Während ab der Klassik die Vortragsbezeichnungen sehr genau angegeben werden, finden wir bei Komponisten bis ins 18. Jahrhundert außer einigen Artikulationsangaben wenig mehr als den blanken Notentext. Der Interpret als solcher ist gefragt, die Musik mithilfe seines Wissens und seiner Individualität zum Leben zu erwecken. Aarón Zapico ist ein solcher Musiker, der sich mit dem Cembalo auf das weite Feld der Barockmusik spezialisiert hat. Beim Label „Winter & Winter“ ist seine erste Solo-CD unter dem Titel „phantasia“ (No. 910 176-2) erschienen.

Frühbarocke Komponisten auf Tasteninstrumenten

Überwiegend Werke von Girolamo Frescobaldi und Johann Jakob Froberger hat Zapico eingespielt und damit bedeutende Literatur des frühen 17. Jahrhunderts für Tasteninstrumente versammelt. Beide Komponisten waren zu ihrer Zeit anerkannte Musiker und berühmte Virtuosen, die einen großen Einfluss auf ihre eigene und nachfolgende Generationen ausübten. Frescobaldi arbeitet stark mit den barocken Affekten, die sich bei ihm in kontrastreichen und kurzweiligen Stücken äußern. Besonders die Variationskunst und das freie Spiel in Toccaten und Kanzonen kennzeichnen den Stil des Italieners. Froberger führt und entwickelt das Werk seines Lehrers Frescobaldi fort und wird zu einem der aufregendsten und progressivsten Komponisten des Frühbarock.

Der Spanier Zapico benutzt für seine Aufnahme ein zweimanualiges Cembalo mit drei Registern nach historischem Vorbild. Je nach Werk wendet er eine französische und verschiedene mitteltönige Temperaturen an, die sich musikwissenschaftlich begründen lassen. Die Stimmung und damit verbundene Tonartencharakteristik ist eine Voraussetzung für die stilgerechte Wiedergabe alter Musik. Zapico weiß durch beherzte Virtuosität und leidenschaftliches Versinken in die Musik zu überzeugen. Besonders bei den Tanzsätzen Frescobaldis passt sein Temperament ideal zu den Stücken. Fast eine Stunde Cembalomusik einer Epoche beansprucht auch den Zuhörer: Zapico spielt unbestritten musikalisch auf hohem Niveau, aber durch die vielen, teils gleichartigen Stücke kann sich eine leichte Ermüdung einschleichen.

Die Planeten mit vier Händen

Bei Gustav Holsts Suite „The Planets“ von Nimbus Records (NI 5871) handelt es sich um eine Novität: Das britische Klavierduo York2, bestehend aus John York und seiner Frau Fiona, unterrichtet an der St. Paul’s Girls School, der Holst – übrigens ein englischer Komponist trotz deutsch klingenden Namens – fast 30 Jahre als Leiter der Musikabteilung vorstand. Beim Stöbern in einem alten Schrank im Konzertsaal der Schule fand John York eine in Leder gebundene Ausgabe der „Planeten“, für ein Klavier zu vier Händen eingerichtet und mit Anmerkungen versehen von Holst und seinen damaligen Assistentinnen. Seit der Epoche der Klassik war es üblich, große orchestrale Werke als Auszug für zwei- oder vierhändiges Klavier herauszugeben. Unabhängig von einem Orchester konnten die Hörer und Musiker der damaligen Zeit das Werk auch im kleinen Rahmen hören, denn Klaviere waren an vielen Orten präsent.

Im Werkkatalog von Gustav Holst taucht sehr wohl eine Fassung der überaus populären Orchestersuite für zwei Klaviere auf, die vierhändige Fassung für ein Klavier ist aber eine Ersteinspielung. John York und seine Frau hielten die Zeit nunmehr für reif, das Werk dem CD-Katalog hinzuzufügen und gleichzeitig eine Tradition als Nachfolger von Holst an der St. Paul’s Girls School fortzusetzen. Bei der Übertragung der Orchesterpartitur auf das Klavier ergeben sich naturgemäß Einschränkungen: Klangfarben und Artikulationsmöglichkeiten der Orchesterinstrumente gehen verloren, da nur noch der Klavierklang zur Verfügung steht. Dafür können aber rhythmische und harmonische Details sowie bisher unerhörte Dissonanzen hervortreten, die gewöhnlich bei einer Wiedergabe durch Orchester untergehen. Die Frage ist, ob das Arrangement für nur ein Klavier beim Hörer keine Enttäuschung verursacht, der vielleicht den großen Orchesterklang des Werkes vermisst.

Gelungenes Arrangement der planetaren Suite

Ein klares Nein ist hier die Antwort. York2 schafft es, die Atmosphäre des Werkes vollständig auf einem Klavier zu reproduzieren. Die Anlage des Arrangements vermittelt dabei sogar Details, die bisher gerne überhört wurden. Auch hinsichtlich der geheimnisvollen und poetischen Abschnitte in der Musik von Holst gibt es keinerlei Einschränkungen, York2 beherrscht diese ebenso wie mächtiges Fortissimo bei großen Planeten. Die bei der Aufnahme zusätzlich eingespielten Stücke des Komponisten York Bowen, auch der englische Rachmaninoff genannt, machen diese 100% britische CD zu einer klaren Empfehlung für den Freund der Klaviermusik.

Blättert man online oder auf Papier durch die Neuerscheinungen großer Labels, fällt seit geraumer Zeit auf, dass die neuen Künstler entweder sehr jung und modelartig erscheinen oder als Wunderkinder vermarktet werden. Idealerweise stimmen Aussehen und Musikalität überein, sodass sich in den Medien eine optische und akustische Vermarktung machen lässt. Im Zeitalter von YouTube ist es heute leichter und wahrscheinlicher, einen Künstler audiovisuell kennenzulernen anstatt auf einen Tonträger zu warten oder ein MP3-File zu suchen.

Newcomer aus Luxemburg: Francesco Tristano

Der luxemburgische Pianist und Komponist Francesco Tristano ist ein solcher „Musiker 2.0“, der bewusst moderne Medien und Technik für seine Musik nutzt und nebenbei noch ziemlich fotogen wirkt. Als konservativer Mensch ist man anfangs skeptisch: Ein Absolvent der Juilliard School, der neben dem Konzertsaal noch in der Clubszene umherschwirrt und Bach „gestaltet“? Kann das seriös sein? Mit Verlaub, es kann. Tristanos Seriosität als Musiker ist unbestritten, sonst hätte er nicht bereits im Alter von 19 Jahren unter Mikhail Pletnev mit dem Russischen Nationalorchester Klavierkonzerte von Prokofiev und Ravel eingespielt. Auch eine Frescobaldi-CD und Bachs Goldbergvariationen sind in seiner Diskographie enthalten. Was macht den jungen Luxemburger aber spätestens seit der aktuellen CD „bachCage“ (Deutsche Grammophon/Universal) zum Shooting-Star in Klassik und Club?

Zunächst seine makellose Technik. Nur ein Spitzenpianist kann eine Bach-Partita derart lebendig und virtuos vortragen, dass man als erfahrener Hörer die Ohren spitzt. Tristanos Sinn für Klang ist ebenfalls hervorragend entwickelt und kommt in den langsamen Sätzen von Bach und den meditativen Stücken von Cage voll zum Tragen. Daneben bewirken die elektronischen Verfremdungen und eigenen Improvisationen eine Klanginstallation, die neuartig und faszinierend zugleich ist. Live wirkt sie auch für Nicht-Klassiker eindrücklich, auf der CD erschließt sich bei jedem Hördurchgang mehr von der Substanz der „playlist“ des Francesco Tristano. Zeitloser Bach und experimenteller Cage in einer unerhört neuen Aufmachung – eine aufregende Entdeckung.

Autor
Michael Rassinger
Datum
27. Januar 2013