Privates Carsharing im Test

Privates Carsharing

Carsharing ist eine tolle Sache – wer kein eigenes Auto hat, kann sich zu fairen Preisen unkompliziert eines leihen. Das Prinzip funktioniert aber auch andersherum: AUTO-Mitarbeiter Michael Rassinger hat beim privaten Carsharing mit den autonetzern den eigenen Wagen vermietet.

Nein, eine Liebesbeziehung zu seinem Auto sollte man für privates Carsharing nicht aufgebaut haben. Zu schmerzlich wäre die Vorstellung, den gepflegten und liebgewonnenen Untersatz einer unbekannten Person für Stunden oder Tage zu übergeben. Neben der Bedeutung als Statussymbol kann der eigene Wagen auch einen privaten Rückzugsraum und ein Stück Freiheit bedeuten. Wie um alles in der Welt kann man also auf die Idee kommen, dieses ganz persönliche Refugium einem Fremden zu überlassen?

Hemmschwelle: Es ist das eigene Auto

Für AUTOStraßenverkehr schaltete ich alle Emotionen ab und stellte mein Cabrio, einen Toyota MR2, auf der Carsharing-Plattform autonetzer.de potenziellen Mietern für privates Carsharing zur Verfügung (Anmerkung: autonetzer ist inzwischen keine eigenständige Plattform mehr, sondern wurde 2015 von drivy übernommen). Bevor man als stolzer Autobesitzer nun die Hände über dem Kopf zusammenschlägt: Es ist alles nicht so schlimm, wie es scheint. Schließlich vermietet man weder Familienangehörige noch sein Schlafzimmer, sondern ein Industrieprodukt, das in großer Stückzahl gefertigt wurde. Ganz pragmatisch gedacht bedeutet das also: Es ist nur ein Auto. Es gibt sehr viele davon. Es verliert laufend an Wert. Es kostet ständig Geld.

Grundvertrauen als Voraussetzung für privates Carsharing

“Die Voraussetzung als privater Autovermieter sollte natürlich schon ein Grundvertrauen zum Mieter sein”, sagt Sebastian Ballweg, ehemaliger Geschäftsführer von autonetzer.de, einem der bis 2015 großen privaten Carsharing-Portale in Deutschland. Er gehört zu der Generation von Leuten, für die das Teilen und Mieten von Dingen wie Wohnraum und Autos längst Einzug ins tägliche Leben gehalten hat. Ballweg arbeitete, bevor er sich selbstständig machte, bei Daimler und suchte nach einer Möglichkeit, sein eigenes Auto besser auszulasten und die Fixkosten zu reduzieren. Bei einem Großstadtbewohner wie ihm, der meist mit Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, stand der Wagen oft ungenutzt vor der Tür. Verkaufen war aber keine Option, denn ab und zu ist ein Auto einfach nötig.

Teile dein Auto und spare

Daher kam der studierte Betriebswirt zusammen mit seinem Geschäftspartner Markus Gößler auf das Projekt mit dem Namen “Autonetzer”. Die Idee des privaten Carsharings ist recht jung. Erst vor rund fünf Jahren entwickelte sich weltweit fast gleichzeitig eine Sharing-Community für das Auto. Deutschland als klassisches Autofahrerland hält Ballweg durchaus tauglich für den Teilungs-Gedanken: “Die Leute in Deutschland sind zuverlässig, was für ein solches Projekt wichtig ist. Außerdem sieht man an Plattformen wie Mitfahrgelegenheit, Couchsurfing oder AirBnB (Mieten und Vermieten von Wohnraum auf Zeit), dass es in Deutschland funktioniert und in der Gesellschaft angekommen ist. Die Leute scheinen das Grundvertrauen mitzubringen, das man für den Verleih von privaten Dingen benötigt.”

Einfache Registrierung per Facebook möglich

Wie funktioniert aber das Verleihen des eigenen Autos? Es ist wirklich einfach: Nach dem Überprüfen der Voraussetzungen für das private Carsharing meldet man sich auf der Webseite der Autonetzer entweder per Registrierung oder Facebook-Authentifizierung an. Anschließend gibt man seine Daten sowie das Fahrzeug mit allen Details in die Maske ein, lädt Fotos hoch, legt die Mietpreise und Rückgabekonditionen fest und schaltet die Anzeige frei. Das war’s auch schon. Ab sofort kann der eigene Wagen von Mietern online gebucht werden.

Eigene Kfz-Versicherung bleibt unberührt

In meinem Fall wurde ich per SMS und E-Mail über eine Mietanfrage informiert. Fitnessclub- Besitzer Guido Wallmann aus Berlin wollte den MR2 für einen Tag mieten. Nach der Zusage per SMS musste nur noch das Protokoll ausgedruckt und bei Übergabe überprüft und unterschrieben werden. Ganz wichtig zu wissen: Die bestehende Kfz-Versicherung wird beim privaten Carsharing nicht angetastet. Stattdessen schließt der Mieter mit der R+V Versicherung einen Vollkasko- Schutz während des Mietzeitraums ab. Passiert tatsächlich einmal etwas, nimmt der Mieter direkt mit der R+V Kontakt auf, die dann alles abwickelt.

Problemlose Über- und Rückgabe des Autos

Die Übergabe verlief problemlos, nach einem kurzen Check von Führerschein und Personalausweis liefen wir ums Auto, hielten Zeit, Tankinhalt und Kilometerstand fest. Am nächsten Tag kam der Toyota genau wie besprochen und ohne Makel zurück, der Mietpreis wurde anschließend von den Autonetzern auf mein Konto überwiesen. Fitness-Experte Wallmann war so angetan von dem Autonetzer-Konzept, dass er demnächst den VW Bus des Fitness-Centers für privates Carsharing anbieten wird, um dessen Standzeiten und Fixkosten zu verringern.

Privates Carsharing: besser ohne Emotion

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Autonetzer bieten preiswertes und sicheres privates Carsharing an, bei dem der Privatwagen Geld einfährt und damit die finanzielle Belastung für den Fahrzeugbesitzer verringert. Man sollte allerdings keine emotionale Bindung zu seinem Auto haben, denn wer beim Verleihen des vierrädrigen Gefährten ein schlechtes Gefühl hat, der wird auch während der Mietdauer unruhig schlafen.

Dieser Artikel entstand für AUTOStraßenverkehr.

Update September 2015: Die Autonetzer wurden im Mai 2015 von der französischen Plattform Drivy übernommen, die ebenfalls privates Carsharing anbietet. Als Folge erhöhte sich zwar die Anzahl der Anfragen für mein Auto, die Konditionen verbesserten sich allerdings nur zugunsten der Mieter. Drivy schneidet sich mit 30% des Mietpreises zudem ein großes Stück vom Kuchen ab. Da viele Mieter Mehrfachanfragen für einen Zeitraum stellen und das für sie passendste Angebot annehmen, fühlt man sich als Vermieter veräppelt. Natürlich will ein Mieter Sicherheit für seinen Mietzeitraum haben, aber sowie der erste Vermieter zusagt, sollte das für Mieter bindend sein. Das Portal informierte bei meinen Anfragen von Mietern nämlich nicht über deren Absage, sondern schickt nur eine Mail bei Zusage. Zwar ist der Mitgliederservice bemüht und ruft auch proaktiv an, aber an den Konditionen lässt sich nicht rütteln.

Mein Fazit: Die Drivy-Konditionen mit den neuen Spielregeln dürften so manchem Vermieter nicht gefallen. Ich bin als Eigentümer nicht auf die Vermietung angewiesen und habe zusätzlich kein gutes Gefühl mehr bei der Sache. Daher habe ich mein Konto bei Drivy gelöscht.

Author
Michael Rassinger
Datum
7. Dezember 2014
Kategorie